exhibition opening speeches

15.1.2016
 
Ausstellungseröffnung ort_m [migration memory]
 
Eröffnungsrede von HMJokinen, Künstlerin/Kuratorin ort_m
 
Liebe Kunstinteressierte, liebe Kunstschaffende, liebe Gäste, liebe Freunde - einen schönen guten Abend und herzlich willkommen in der Ausstellung ort_m [migration memory]!
 
Als ein Ort also, der für diese zwei "m"'s steht - und wir können als drittes "m" das Mittelmeer dazu nehmen - präsentiert sich diese Ausstellung.
 
Meine zwei Projektreisen mit Mitgliedern der Gruppe "Lampedusa in Hamburg" eben nach Lampedusa hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Seitdem sind viele Schutzsuchende aus anderen Ländern und auf weiteren Routen zu uns gekommen, ist auch viel politische Migrationsdebatte ins Land gegangen.
 
Wir, das sind Hamburger Kunstschaffende, erstellten unser Projektkonzept bereits im August 2014. Herausfinden wollten wir dabei, wie Krieg, Terror, Flucht, Lager, koloniale Vergangenheit und Kolonialismus in der Gegenwart - aber auch Reflektion, Mut und Hoffnung - ihren Ausdruck in der Kunst finden. Wir besuchten 15 Hamburger Unterkünfte für geflüchtete Menschen und luden zu unserem Kunstraum in der Süderstraße ein.
 
Folgende Workshops haben wir vom September bis Dezember angeboten:
 
- Screening Memory, Siebdruckworkshop mit Joe Sam-Essandoh
- Our Own, Film und Videoworkshop mit Vanessa Nica Mueller
- Free Your Soul, Malerei und Kleinplastik mit Margret Weinbrecht
- Be Heard, Rhythm und Poetry Workshop mit A-Jay und
- Greener Pastures, ein Workshop, in dem ich mit Frauen gearbeitet habe.
 
In diesen vier Monaten kamen rund 90 geflüchtete Menschen aus Ghana, Nigeria, Burkina Faso, Mali, Syrien, Afghanistan, Libyen und dem Iran in unser Atelier in der Süderstraße; einige nur zum Schnuppern und Ausprobieren, andere regelmäßig, die gerne den Kunstraum auch über die Projektzeit hinaus beibehalten hätten.
 
Es haben sich im Laufe der Zeit drei Schwerpunkte in den Arbeiten herauskristallisiert, die an diesen drei Wänden und auch in den folgenden Arbeiten und Räumen thematisch zusammen gefasst wurden:
 
- Die Herkunft: also das Land, das verlassen wurde. Welche Lebensumstände führten zur Flucht? Wie sieht Heimweh aus?
 
- dann der Weg, der hier durchweg als traumatisierend beschrieben wird: Hunger oder der Fuß, der schreit oder das Boot in Seenot.
 
- schließlich die Ankunft: der plötzliche Stillstand, die Unterkunft, Gedanken über die Zukunft, über bürokratische Hürden ebenso wie die schützende Mutter Deutschland.
 
Der nächste Raum ist ganz den Fluchtursachen, den Grenzen und dem gefährlichen Weg gewidmet -hier mit Arbeiten von Naho Kawabe, Kodwo Edusei, Khaled Abou Hassoun, der Sammlung von Collettivo Askavusa sowie Nana Osei. Der dritte Raum gilt der Ankunft, der Ruhe und der Reflektion.
 
Workshopteilnehmende, deren Geschichten mir persönlich nahe gingen, sind unter Anderen die Kunstschaffenden Ghosoun Alhussein und Summer Sormani aus Syrien sowie Samira Alizadeh Ghanad aus dem Iran, zudem Frederick Anokye aus Ghana, der ebenfalls aus Ghana stammende Sound- und Poetry-Künstler Nana Osei sowie Emad Hashem, der eine Kunstprofessur an der Universität Damaskus inne hatte. Ich könnte noch weitere unvergessliche Begegnungen aufzählen, meine Hamburger Kolleg_innen ebenso, dafür fehlt mir leider hier die Zeit - aber sprechen Sie gerne die anwesenden Kunstschaffenden an.
 
Doch ort_m ist noch mehr!
 
Wir sind glücklich, dass unser Kollege Patrick Tagoe-Turkson aus Ghana angereist ist. Er hat in seinem Land mit Refugees und Menschen, die vor Armut in die Städte geflüchtet sind, gearbeitet. Ihre Installation The Tale within Crossing ist im hinteren Raum zu sehen. Heute abend werden Sie Tagoe-Turksons Performance Memory Repairs sehen, und am kommenden Sonntag um 19 Uhr wird er in seinem Vortrag über die Arbeit an diesem auf Nachhaltigkeit angelegten Projekt berichten, das Themen wie ?Recht auf Stadt" und auch Heilung durch Kunst aufgreift.
 
Wir möchten auch das Projekt Lampedusa in Hamburg - Professions willkommen heißen. Christina B., Marily Stroux, Ousman K., Simone Borgstede und weitere Beteiligte sind den Berufen der aus Libyen Geflüchteten photographisch nachgegangen. Hier in Deutschland dürfen sie auch nach drei Jahren nicht arbeiten. Porträts und Interviewausschnitte werden parallel zu unserer Ausstellung auf großen Werbeflächen im Stadtraum zu sehen sein.
 
Schließlich hat mich der Porto M-Raum auf Lampedusa tief berührt. Die Gruppe Collettivo Askavusa sammelt seit Jahren Strandgut auf der Insel. Die angespülten Alltagsgegenstände - ob von ertrunkenen oder erretteten Menschen, wir wissen es nicht - stellt Askavusa in einem kleinen Museum auf Lampedusa aus, ein Teil der Sammlung ist jetzt bei uns zu sehen. Am Sonntag, den 24. Januar um 19 Uhr wird Askavusa über migrantische Erinnerung und die negativen Auswirkungen des Nato-Stützpunkts auf geflüchtete Menschen und auf die Bewohnerschaft der Insel berichten.
 
Ich möchte ebenso auf weitere spannende Veranstaltungen aufmerksam machen:
 
· am Samstag, den 30. Januar um 19 Uhr zeigen wir hier den anderthalbstündigen Film persona non data von Dorothea Carl. Vierzehn Menschen im Umkreis von Hamburg erzählen die Geschichte ihrer Flucht und ihre individuellen Kämpfe im Bannraum hier. Anwesend sind neben der Filmemacherin Heide Sanati, Mohsen Rezai und Shafiq Hussein Rezai.
 
· Am Sonntag, den 31. Januar heißen wir einen weiteren Gast aus Italien willkommen: Zakaria Mohamed Ali, 2007 aus Somalia geflüchtet. Er kehrte zurück nach Lampedusa und machte dort einen Film, den er bei uns zeigen wird. Er wird auch vortragen über die Arbeit des Archivs für Migrantische Erinnerung in Rom.
 
· Am Sonntag, den 7. Februar berichten der eritreische, in Schweden lebende Aktivist Adal Neguse, der nigerianische Refugee-Koordinator in Hamburg, Asuquo Udo und die finnische Kulturwissenschaftlerin Karina Horsti über ihre unmittelbaren Erfahrungen mit Europas südlichstem Militärstützpunkt Loran. Sie untersuchen auf Lampedusa die Psychogeographien, angelehnt an einen Begriff der künstlerischen Bewegung der Situationistischen Internationale, den sie unter postkolonialen Aspekten beleuchten.
 
· An zwei Samstag Nachmittagen bieten wir geführte Stadtrundgänge an:
- Here to stay! entstand in Zusammenarbeit mit "Lampedusa in Hamburg"
- Die versteckten Schiffe zeigt die kolonialen und neokolonialen Spuren zwischen Chilehaus und Überseequartier.
 
Beide Rundgänge sind kostenlos, wie auch alle anderen Veranstaltungen.
 
An allen Sonntagen um 16 Uhr bieten wir hier Ausstellungsführungen in Deutsch, Englisch oder Arabisch an. Gruppen können eigene Ausstellungsführungen, auch in Farsi oder Arabisch, buchen.
 
Zur Finissage laden wir dann am 12. Februar um 19 Uhr ein. Da werden sich die Hamburger Workshops ihre Arbeit vorstellen, und wir können gerne ins Gespräch kommen darüber, welche Erkenntnisse über das Projekt ort_m gewonnen werden konnten und wie ein solches Projekt unter welchen Rahmenbedingungen weitergeführt werden könnte.
 
Alle Termine zum Begleitprogramm finden Sie im Flyer sowie eine ausführlichere Beschreibung auf unserer Webseite.
 
Jede Arbeit hier widerspiegelt eine gelebte, individuelle Geschichte. Damit wirken sie den gängigen Medienbildern von anonymen sog. "Flüchtlingsströmen" entgegen. Kommen Sie, liebe Gäste, bitte ins Gespräch mit den Kunstschaffenden über die ganz eigenen, erstaunlichen und zuweilen dramatischen Geschichten hinter den Bildern.
 
Ist Ihnen aufgefallen, dass kein Museum in der Hafenstadt Hamburg Migration als eigenständiges Thema präsentiert? Wohin verschwindet die migrantische Erfahrung, die oral history, wenn sie nicht erzählt wird? Bräuchten wir nicht gerade in Hamburg, einer Stadt mit einer Jahrhunderte langen Geschichte verschiedener Diasporas, ein Migrationsmuseum, das das frühe und das heutige migrantische Wissen und die oral history erforscht, aufbewahrt und ausstellt? Zudem einen konkreten, offenen Raum für transkulturelles Schaffen über diasporische Grenzen hinweg, einen Schmelztiegel migrantischer Kulturen?
 
Am Schluss möchte ich mich herzlich bedanken
 
- bei allen Projektbeteiligten
 
- bei den Workshop-Teilnehmer_innen und Künstler_innen, deren spannende Arbeiten Sie hier sehen
 
- bei den Hamburger Kunstschaffenden, die die Workshops mit großem Engagement angeboten haben
 
- bei den Interviewpartnerinnen
 
- bei der Illustratorin Maite Ortiz, der Kunstwissenschaftlerin Dieu-Thanh Hoang und dem Art Director Julien von Seherr-Thoss sowie bei allen helfenden Händen, die unserem Projekt ehrenamtlich zur Seite standen
 
- bei den Gästen aus Hamburg und dem Ausland sowie bei Sonja Collison für die organisatorische Hilfe beim Begleitprogramm
 
- bei dem libyschen Journalisten Salah Zater, bei der Aktivistin und Köchin Christina B. sowie bei Salem Alissa für ihre Unterstützung
 
- bei Werkstatt/Michael Schmiedel sowie bei Uwe Nitsche für die Ausstellungsaufbauten
 
- bei Anna Ashrafi und dem Frappant-Team für die Raumbetreuung
 
- bei der Kulturbehörde Hamburg für Projektförderung sowie bei den Materialsponsoren
 
- bei unserem Medienpartner Le Monde Diplomatique sowie unseren Kooperationspartnern HipHop Academy Hamburg und dem Arbeitskreis HAMBURG POSTKOLONIAL
 
Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Abend!
 
 
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Eröffnungsrede von Salah Zater, Journalist aus Libyen
Opening speech of Salah Zater, journalist from Libya
 
This is a great opportunity for many of the refugees to express their pain and sadness in this difficult world where war excites in many places. Hundreds of thousands of innocent people are in agony every day because the bad politicians don't care about human rights but make people suffer of bombings or hunger and make them homeless or refugees and destroy their countries by the name of human rights, freedom and democracy. Such values were not the real goal when interfering in countries like Syria and Libya as well Afghanistan and so on, but money, oil and further resources were the biggest reasons for war.
 
Four months ago I received an email from HMJokinen asking me to be a part of the project organisation, and of course I joined in. In the beginning we visited many refugees' camps and spoke with hundreds of people explaining them the aims of the art memory migration project and inviting them to participate.
 
In the four workshop months we met many new people in our art space, and the artists made amazing pieces. We are happy to show them to you today. Art is a great messenger and can change a lot. The works are not speaking only about pain and sadness but also about love and happiness. We still have hope that one day all people can live together in peace.
 
I wish that all those who took part in the ort_m project will have success in their lives and their art work. Thank you who supported this to come into reality. I hope that you, the exhibition guests, can see both: the pieces of art and the political message. The unique experience that you have, dear artists, and nobody else, is your story and your vision. So draw and write for change and live as you choose to do.
 
Congratulations to all the artists. Keep on the way still long.
 
 
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Eröffnungsrede von Dieu-Thanh Hoang, Kunstwissenschaftlerin
 
Erst einmal freue ich mich sehr, dass so viele zu unserer Eröffnung gekommen sind. Es tut gut, nach soviel Arbeit und Mühe zu sehen, dass so viele an dem Ergebnis teilhaben möchten. Vielen Dank dafür.
 
Unsere Ausstellung heißt ort_m [migration memory].
 
Die ganze Menschheitsgeschichte kann als Migrationsgeschichte erzählt werden. Die Menschheit migrierte schon immer, aus unterschiedlichen Gründen. Wahrscheinlich kann jeder einzelne in diesem Raum aus seiner Familie eine Migrationsgeschichte erzählen. Wo immer es sich in der Heimat nicht mehr leben ließ, wo immer wir unsere Überlebenschancen sichern mussten, sind wir Menschen ausgewandert. Ausgewandert in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
 
Wenn ich den Fernseher einschalte, dann höre ich so etwas wie Flüchtlingswelle, Flüchtlingsflut, Massenunterkünfte, oder ein beliebtes deutsches Wort Quoten. Da frage ich mich: Wie abstrakt ist das denn? Geht es hier nicht um Menschen? Geht es hier nicht um dich und mich und um sie oder ihn?
 
Millionen von Geflüchteten bedeuten Millionen von einzelnen Beweggründen und Millionen von einzelnen Geschichten. Ein paar von ihnen zeigen wir euch in dieser Kunstausstellung. Von einer einzigen Fahne, einem einzelnen Bild, einer einzelnen Skulptur können wir so viel erfahren. Wo wir mit unseren sprachlichen Kenntnissen nicht weiter kommen, können uns Bilder, Formen, Farben weiterhelfen. Kunst gibt uns die Möglichkeit unsere ganz eigene Sprache zu verwenden, fernab von der der Medien. Kunst gibt uns die Möglichkeit, unsere eigene Geschichte selbst zu erzählen und das auszudrücken, was wir ausdrücken möchten. Kunst ist letztlich ein Raum, wo wir wir selbst sein können, wenn wir es sonst nicht sein können.
 
Unsere Ausstellung heißt ort_m [migration memory].
 
Wir erinnern uns, um nicht zu vergessen. Nicht zu vergessen, wer wir sind und welche Geschichte uns begleitet. Wie ihr seht, habe ich offensichtlich auch eine Migrationsgeschichte in der Familie. Flucht und Migration kenne ich selbst nur als Erinnerungen meiner Eltern. Aber ihre Erzählungen sind auch ein Teil von mir, ihre Geschichten sind Teil meiner Biografie. Deshalb sind wir nicht die, die wir sind, wenn wir aufhören, uns zu erinnern.
 
Die im Alltag unscheinbarsten Dinge können die unglaublichsten Stories erzählen. Denken wir nur an Patrick Tagoe-Turksons Sandalenkiosk, wo jedem einzelnen Flicken wahrscheinlich ein ganzes Buch gewidmet werden könnte. Oder an Porto M, die Fundobjekte aus Lampedusa. Wie gelangte ein Coca- Cola-Deckel mit arabischer Aufschrift in eine italienische Region? Ich weiß, dass mein Vorstellungsvermögen dafür niemals ausreichen wird, um mir das in Gänze auszumalen.
 
In unserer Ausstellung geht es nicht um Selbsttherapie oder Vergangenheitsbewältigung. Es geht darum, sich zu erinnern, was ist und war und zu äußern, was wir der Welt mitzuteilen haben. Deshalb ist ort_m für mich nicht ein Ort des Schmerzes oder der Trauer, sondern ein Ort der Stärke und des Mutes, das zu zeigen, was sonst viel zu wenig gezeigt wird. Weil wir alle das Recht haben, unsere Geschichte selbst zu erzählen statt erzählen zu lassen. Damit Migration nicht abstrakt bleibt, sondern ein menschliches Antlitz bekommt. Und damit wir endlich nicht mehr über Massen sprechen, sondern über Menschen.
 
 
 
 
 
 
 

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ort_m [migration memory]
H. Jokinen · D. Hoang 
(Hrsg./ed.)
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EUR 24,00 
Revolver Publishing 2017  
 
 

 
 
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im Künstlerhaus Vorwerkstift
17. Februar 20 Uhr
 
Aus dem Filmworkshop:
Film Was wir hinter uns ließen (auf Vimeo,
17 Min.)
 
ort_m-AUSSTELLUNG
16.1. - 12.2.2016
donnerstag - sonntags
14 - 18 Uhr
Galerie des Frappant/
Viktoriakaserne
Hamburg-Altona
 
Ausstellungseröffnung
15.1.2016 19 Uhr
 
BEGLEITPROGRAMM
ZUR AUSSTELLUNG